Sie sind hier

gbs-koblenz.de

Foto: Evelin Frerk

24. 07.

28. Februar 380. Die Staatskirche und der Abfall des Katholizismus vom Christentum

Vortrag von Rolf Bergmeier in Bonn-Venusberg

Im Jahre 385 rollen die Köpfe. Priscillian, Bischof von Faro (Portugal), und weitere sechs Männer seiner Umgebung werden in Trier nach Folterung öffentlich hingerichtet. Ihr Verbrechen: Sie fordern unter Verweis auf die Briefe des Paulus Ehelosigkeit und Verzicht auf Fleisch und Wein, ein Ende der Sklaverei und die Gleichstellung von Frauen. Das ist zu viel. Gerade ist der Katholizismus zur Staatsreligion erhoben worden, gerade wurde die unsterbliche Wahrheit per Dekret verkündet, und immer noch erheben die Schlangen der Häresie ihre Köpfe. Das Todesurteil, Enthauptung mit dem Schwert, wird vom katholischen Kaiser Maximus verfügt.

Keine Volksbewegung hat es gefordert, kein Heer mit dem Staatsstreich gedroht. Es ist die einsame Entscheidung eines römischen Kaisers, der sich auf ein Gesetz beruft, kaum ein Dutzend Zeilen lang, das das Weltgeschehen neu ordnen wird. Wir sprechen vom Staatskirchenerlass Cunctos populos. Der römische Kaiser Theodosius unterwirft am 28. Februar 380 alle Bürger des römischen Reiches einer Religion: „Alle Völker, über die wir ein mildes und maßvolles Regiment führen, sollen sich […] zu der Religion bekehren, die der göttliche Apostel Petrus den Römern überliefert hat […] Nur diejenigen, die diesem Gesetz folgen, sollen[…] katholische Christen heißen dürfen; die anderen, die wir für wahrhaft toll und wahnsinnig erklären, haben die Schande ketzerischer Lehre zu tragen“.

Von nun an sind Kirche, Staat und Kultur unter der Dominanz der katholischen Religion untrennbar miteinander verbunden. Es entsteht eine machtvolle Verflechtung von explosiver Kraft, die Europa fast 1.500 Jahre beherrscht und deren Wirkung bis in die Spitzen Südamerikas reicht. Es beginnt die größte Landschaftsveränderung seit dem Beginn des griechisch-römischen Imperiums. Die öffentlichen Schulen werden geschlossen, die Bibliotheken veröden, das Menschenbild wird verändert und die säkularen Wissenschaft werden verdrängt. Tempel werden zu Steinbrüchen, Theater zu Lagerräumen und die Bürger verlernen das Lesen und Schreiben.

Cunctos populos, das ist die Ouvertüre zu einer Gesellschafts- und Kulturrevolution, die das Schicksal Europas entscheiden und die Welt bis in die fernsten Ecken erschüttern wird. Der Erlass wird tiefgreifende Spaltungen und Zerwürfnisse provozieren, Religionskriege entfesseln, Kreuzzüge heiligen und Kulturen vernichten. Er wird Mitteleuropa theologisieren, enturbanisieren und feudalisieren und die Frage aufwerfen, ob der Katholizismus noch christlich im Sinne seines Gründers ist. Kein Ereignis in der neueren Geschichte hat die Welt so umgeformt wie dieser Erlass. Er beschäftigt uns bis heute.

Rolf Bergmeier (Althistoriker) ist schriftstellerisch tätig und Autor diverser Publikationen, die sich mit der Schnittstelle "Alte Geschichte, frühes Mittelalter und Kirchengeschichte" beschäftigen. Neben dem Buch "Christlich-abendländische Kultur - Eine Legende" (2014) hat er auch die Titel "Kaiser Konstantin und die wilden Jahre des Christentums: Die Legende vom ersten christlichen Kaiser" (2010) und "Schatten über Europa. Der Untergang der antiken Kultur" (2012) veröffentlicht. Erst im letzten Jahr kam mit "Karl der Große: Die Korrektur eines Mythos" sein neuestes Buch auf den Markt. Rolf Bergmeier ist Mitglied im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung.